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Revolutionäre Entdeckung in der Physik
Russlanddeutscher Physiker aus Manchester wird mit Körber-Preis
geehrt.
Bereits 2004 machte Andre Geim, Physikprofessor und Direktor des Zentrums
für Mesophysik und Nanotechnologie an der Universität Manchester seine
revolutionäre Entdeckung. Zusammen mit Konstantin Novoselov entdeckte er ein
neuartiges
Material, ein zweidimensionales Kristall, das aus dem Graphit hergestellt
wird und nannte es Graphen. Am 17. April 2009 wurde Andre Geim für seine
Entdeckung mit dem hochdotierten Körber-Preis geehrt.
Sohn russlanddeutscher Eltern, geboren 1958 in Nalchik (Kabardino-Balkarien)
studierte Geim im Moskau Physik und promovierte 1987 am Institut für
Festkörperphysik im russischen Tschernogolowka. Nach der dreijährigen Arbeit
am gleichen Institut
wechselte er zunächst an die University of Nottingham, später University
of Bath und 1994 an Radboud-Universität Nijmegen, Niederlande und ist
seitdem als holländischer Forscher bekannt.
Um die Forschung im Nord-Westen Großbritannien zu fördern, stellte Britische
Regierung 2001 Fördergelder in Höhe von 3 Mio. Pfund zur Verfügung,
mit der Auflage einen Forscher zu finden, der damit etwas sinnvolles anfangen
kann.
Die Universität von Manchester kam auf Andre Geim und rief ihn zum
Professor für Physik. Sein Team bildete Geim aus Wissenschaftlern, mit
denen er bereits
vorher gearbeitet hatte. Die meisten kamen aus Russland und studierten
an der gleichen Hochschule in Moskau wie er selbst. «Die Darvin-Theorie
gilt auch in der Wissenschaft, hier funktioniert der Prozess der natürlichen
Auslese.
Eine Ausbildung wie an der Physik-Fakultät der Technischen Hochschule
in Moskau bekommt man weder in Harvard, noch in Cambridge», sagt Geim.
Zur Entdeckung des Graphens erzählt Andre Geim, dass es lange als unwahrscheinlich
galt, einen Stoff mit einer zweidimensionalen Struktur zu finden.
In der Natur haben alle bekannten Materialien eine dreidimensionale Struktur.
Die Forscher in Manchester machten ein simples Versuch. Sie klebten
ein Stück
von Graphit auf ein Klebeband und verklebten es zusammen. Riß man
das
Klebeband
auseinander, klebte ein Teil des Graphits auf der einen Seite des
Klebebandes und ein anderer Teil auf der anderen Seite. Das kennen wir
auch aus
unserem Leben. Wenn wir auf Papier mit einem Graphit-Stift schreiben,
entsteht
ein Linie, die nichts anderes ist, als eine abgelöste Schicht Graphit.
Der Stoff
ist in dem Sinn wirklich genial, denn es besteht aus Kohlenstoff-Atomen
mit sehr starker Bindung zwischen den Atomen in einer Schicht und
mit einer leichten
Bindung zwischen den Schichten, so dass die einzelnen Schichten sich
leicht ablösen. Wiederholt man die Prozedur mit dem Klebeband lange
genug, entsteht
irgendwann eine Schicht,
die nur eine Atomlage dick ist. Und das ist Graphen. Alle Atome
in dieser Schicht liegen in einer Ebene und sind zweidimensional
und wabenförmig
geordnet. Graphen ist eine völlig neue Stoffklasse (weder Metall
noch Halbleiter) und
hat einige bemerkenswerte Eigenschaften: Es ist härter als Diamant,
eine Million Mal dünner als ein Blatt Papier, leitet Wärme und
Strom extrem
gut, ist reißfest, gasundurchlässig und äußerst stabil.
Die Faszination über den Stoff wächst. Die ersten, die sich fürs
Material aus der Nano-Welt interessiert hatten, waren Ingenieure
in der Mikroelektronik.
Viele verschiedene Bauteile und Transistoren stecken in unseren
Computern, Flachbildschirmen, Robotern und Handys und diese Teile
sind klein,
sogar sehr klein. Doch die Physiker möchten in noch kleinere
Dimensionen verstoßen
und die Leistungsfähigkeit noch erhöhen. Zur Zeit basiert die
Herstellung der Chips auf Silizium, und für die nächste Zeit ist die Miniaturisierung
auf dieser Basis gesichert, doch für die spätere Zeit müssen
neue
Materialien gefunden werden, die noch hinter der magischen Schwelle
von 10 Nanometer
funktionieren. In dieser Welt der extrem kleinen Größen entstehen
bestimmte Quanten-Effekte und die normalen Transistoren verlieren
ihre Fähigkeiten.
Andre Geim mit seinem Team erarbeiteten eine neue Methode, mit
der sie kleinsten Transistoren aus Graphen-Platten «ausschneiden» konnten, die
nur aus 10 einzelnen
Atomen bestehen. Diese «Quanten Inseln»
haben eine Stromleitfähigkeit, die sich von allen bisher bekannten
um mindestens eine Größenordnung unterscheidet.
Andre Geim sieht für seinen Stoff Graphen eine erfolgreiche Zukunft,
jetzt ist noch nicht klar, in welchen Richtungen die Entwicklung
geht. Es wird
weiter geforscht, um die industrielle Herstellung des Graphen
zu ermöglichen. Vorstellbar sind Graphen-Schichten, die auf
Glasscheiben und Monitore
aufgetragen werden. Die Schichten sind elektrisch leitfähig
und verändern, ähnlich
wie Flüssigkristalle in Flachdisplays, durch Anlegen einer
Spannung ihre Lichtdurchlässigkeit.
Damit lassen sich unter anderem Fensterscheiben fertigen, die
Sonneneinstrahlung
«intelligent» regulieren. Weiterhin verspricht Graphen-Technologie
neuartige Flachdisplays und extrem empfindliche chemische Sensoren.
Der Forscher
selbst sieht seinen Stoff auch in der Lebensmittelindustrie:
«Noch ist es so, dass
Kartoffelchips in den Tüten, die lange im Regal stehen, pappig
werden und nicht mehr schmecken. Stellen Sie sich
vor, Graphen würde Folien gasdicht
machen, sodass die Haltbarkeit von Lebensmitteln erhöht würde
oder die von Bier in Dosen.»
Nach dem Körber-Preis, der auch als "Hamburgs
Nobel-Preis" bekannt ist, ist ein Weg zum richtigen Nobelpreis für Andre Geim als Grundlagenforscher
frei.
Veronika Hilz
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