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Die Russlanddeutschen und ich

Wie komme ich dazu, mich als Schwabe für die Russlanddeutschen zu interessieren und einzusetzen?

Das ist eine lange Geschichte: zunächst habe ich mich schon immer für die "Auslandsdeutschen" interessiert, auch deshalb, weil in meinem Geburtsort Stuttgart, also wie ich höchstens 4 Jahre alt war, die "Polenbrüder" uns besuchten, die Söhne meines Onkels Wilfried und meiner Tante Lissi. Onkel Wilfried war Pfarrer in Galizien und seine Frau die Tochter des dortigen evangelischen Bischofs Zöckler und die Polenbrüder waren absolut keine Polen - aber es ist typisch für viele Deutsche: interessanter waren sie für mich als "Polen", mehr als wenn man sie (wie es richtig gewesen wäre) als Deutsche aus Polen oder Volksdeutsche bezeichnet hätte. Später kam Schwester Elfe einige Zeit zu uns.

Dann hörte ich davon, dass in Brasilien viele Deutsche wohnen, denn mein Vater hatte ein Stück Land am Rio Uruquay von einen Brasiliendeutschen günstig gekauft, weil er meinte, seine drei Söhne könnten nicht alle Arbeit in Deutschland finden (es war ja die Zeit der Weltwirtschaftskrise). Später hörte man damals in der Schule immer wieder von den Deutschen in aller Welt (heute bezeichnet man sie fälschlich als "deutschstämmig", deutschstämmig waren z.B. die US-Generale Eisenhower und Wedemeyer, also Menschen zwar mit deutschen Vorfahren, aber wie die meisten Nachkommen der Auswanderer in die USA "amerikanisiert"). Dafür will man uns heute weismachen, dass ein Türke oder Afghane, wenn er nur einen deutschen Pass hat, deshalb auch ein Deutscher sei! Er ist vielleicht "Bürger des Bundesrepublik", aber "deutsch" bedeutet, dass jemand die deutsche Kultur, die deutsche Sprache, als seine Kultur, als seine Sprache annimmt, dass er sich zur deutschen Geschichte, zur deutschen Tradition bekennt, dazu gehört das Erbe aus dem Christentum, die Sitten und Gebräuche, die Literatur.

Wenn man heute so viel von den "Opfern des Faschismus" oder "Nazismus" spricht, dann müsste man dabei auch die Auslandsdeutschen nennen, denn sie hatten oft schon vor dem Krieg viel zu leiden, bis hin zur Deportation, Enteignung, Ermordung und sogar Ausrottung, oft weil sie nur Deutsche waren und als Deutsche bleiben wollten, ohne dass die Menschen dieser Volksgruppen nur das Geringste getan hatten, das eine Verfolgung gerechtfertigt hätte. Schon im Ersten Weltkrieg hatte es in den verschiedensten Ländern, auch in Russland "Deutschen-Pogrome" gegeben, aber das alles findet man heute kaum in unseren Medien und wenn etwas erwähnt wird, dann meist mit dem Zusatz "Die Deutschen haben angefangen und viel schlimmer..." Nein, die Auslandsdeutschen haben nicht angefangen, schon gar nicht die Russlanddeutschen, sie hatten gar nicht die Möglichkeit dazu. Aber für viele unserer Politiker ist schon die Beschäftigung mit den deutschen Volksgruppen im Ausland "Deutschtümelei" und der VDA, der sich um die Deutschen im Ausland kümmert, ist für die Grünen und die PDS eine Organisation, die bekämpft werden muss.


Die Wolgakinder - eine erste Begegnung

Von den Russlanddeutschen las ich etwa 1942, als ich das Buch von Erika Müller-Hennig "Die Wolgakinder" bekam, das Buch war erschienen im Verlag "Junge Generation" und damals ein Erfolg (Auflage bisher 55 000!). Obwohl in der NS-Zeit und in einem Verlag, der wohl ziemlich NS-nah erschienen, kann man nicht sagen, dass es ein "Nazi-Buch" war. Der Vater der Wolgakinder ist russischer Reserveoffizier, von Antisemitismus findet man keine Spur, auch die Russen werden nicht schlecht gemacht. Natürlich sind die Kinder stolz, dass sie Deutsche sind und das Mädchen Didi (vermutlich die Verfasserin) bekommt einen Wutanfall, als sie von deutschen Soldaten als "Deutschrussen" bezeichnet wurden. Schon hier und noch mehr im zweiten Band ("Wolgakinder im Baltenland") wird der Kommunismus abgelehnt (denn die Kinder erst an der Wolga, dann in Riga erleben), aber das war ja allgemein so, keineswegs nur bei den "Nazis". Der Inhalt ist kurz der: die sechs Kinder eines Wolgadeutschenfabrikanten (sehr modern, fast antiautoritär erzogen) müssen zunächst auf dem Land "untertauchen", weil die Eltern "Kapitalisten" sind und von der "Tscheka" gesucht werden. Mit falschen Papieren als "verschleppte Ostpreußen" (das gab es schon damals) schlagen sie sich zu den deutschen Truppen durch, werden zu Verwandten nach Riga gebracht und erleben schließlich, dass auch die Eltern sich durchschlagen können. Didi schildert in einem Aufsatz zu Beginn kurz die Geschichte der Wolgadeutschen und man betont, auch im zweiten Band sehr, dass man deutsch ist. Das Buch ist gut geschrieben und könnte ruhig aufgelegt werden und viel zum Verständnis der Russlanddeutschen beitragen. Ich habe es meinen Kindern und auch bei Vorlesestunden in der Schule vorgelesen, es gefiel den Kindern auch heute.

Mich interessierte das Buch umso mehr, als mein Vater einen russlanddeutschen Dolmetscher hatte, David Müller. Er war auch von der Wolga, Sohn eines Kleinbauers, der bei der Roten Armee als Musiker war. Als die Deutschen als "Verräter" aus der Armee in die "Trud Armee" ("Arbeitsarmee" eine Art KZ für Deutsche) geholt wurden, war er übergelaufen. Da er in Deutschland keine Bekannten hatte, brachte mein Vater ihn im Urlaub mit nach Hause. Es gelang ihm nach dem Krieg seine Herkunft zu verheimlichen (sonst wäre er in die Sowjetunion ausgeliefert worden), er hat dann geheiratet und lebte in Hessen. Jedes Jahr hat er uns besucht. Oft erzählte von der Heimat an der Wolga, der Hungersnot unter den Kommunisten, von den Kolonien, wie man die deutschen Dörfer nannte.

In Notzingen, wo wir seit 1960 wohnten, waren auch Russlanddeutsche. Edmund Hoffmann aus der Ukraine war Soldat der Wehrmacht geworden (seine Heimatgegend war von der Wehrmacht besetzt worden, bevor die dortigen Deutschen deportiert werden konnten). Er war dann nach dem Krieg in die Kirchmeier Gegend gekommen und er hatte nach und nach im Rahmen der "Familienzusammenführung" seine Familie nachkommen lassen, als dies nach dem Adenauerbesuch in Moskau möglich geworden war. Ich lernte dort diese Menschen kennen, die immer noch die Verlierer des Zweiten Weltkrieges sind, die an diesem Krieg und seinem Schicksal völlig unschuldig waren, die weder Hitler noch Stalin zu verantworten hatten, die aber entsetzlich zu leiden hatten. Sie verloren Hab und Gut, Hunderttausende kamen in den Lagern, in der "Arbeitsarmee" um, sind verhungert, an den Seuchen gestorben oder wurden ermordet - und alle wurden sie völlig entrechtet, sie blieben das auch lange nach Kriegsschluss. Später gab man zu, dass an den Vorwürfen gegen sie kein wahres Wort war - aber davon wurde kein Toter wieder lebendig. Sie hatten nicht nur Hab und Gut, sondern auch weitgehend ihre Sprache verloren, es war ja lange verboten, in der öffentlichkeit deutsch zu sprechen, trotzdem blieben sie für viele Russen die Deutschen, die "Fritzen" und das hieß oft die "Faschisten". Kamen sie aber nach Deutschland, dann waren sie - weil sie kein oder nur schlecht deutsch konnten - für viele Deutsche die "Russen", die hier nichts verloren hatten. So redeten auch manche Politiker, die sonst sich vor "Ausländerfreundlichkeit" überschlugen -aber die Russlanddeutschen waren ja keine Ausländer! Also konnte man ruhig über sie schimpfen. Die sonst so ausländerfreundliche SPD führte Landtagswahlkampf in Baden-Württemberg mit dem Argument, die Russlanddeutschen nehmen uns die Arbeitsplätze weg. Wehe aber, wenn jemand das von Türken oder Albanern gesagt hätte! Der Justizminister der SPD-Regierung von Niedersachsen, Pfeiffer, wandte sich gegen die Zuwanderung der Russlanddeutschen mit dem Argument, sie wären nur "Stimmvieh für die CDU" - was wäre, wenn z. B. Herr Koch gesagt hätte, die eingebürgerten Türken (oft mit doppelter Staatsbürgerschaft) wären Stimmvieh für Rot-Grün? Die Empörung über diese "Sprache des Unmenschen" wäre groß gewesen - und die CDU wäre bestimmt noch einmal umgefallen!

Sicher - viele Russlanddeutsche sprechen noch heute schlecht Deutsch. Sie haben wenig Gelegenheit gehabt, es zu lernen. Lange war es verboten gewesen, Deutsch in der öffentlichkeit zu sprechen. Und auch als es nicht mehr direkt verboten war, wurde es meist nicht geschätzt, wenn man als Russlanddeutscher in der öffentlichkeit Deutsch sprach. Der Kindergarten, die Schule, das Militär, der Rundfunk und das Fernsehen und der Arbeitsplatz war Russisch. Die Russlanddeutschen lebten nicht mehr wie früher in den deutschen Dörfern oder "Rayons". Kein Wunder, dass viele kein Deutsch mehr sprachen oder es nur schlecht beherrschten. Aber wenn sie in der ganzen Zeit der Verfolgung als Nationalität "Deutsch" angaben, wenn sie ihren deutschen Familiennamen beibehielten, dann sind sie bessere Deutsche als gut deutsch sprechende "Bundesbürger", die vom deutschen Volk nur schlecht reden. Manchmal kann man von solchen "Deutschen" hören "Die Russlanddeutschen sollen froh sein, dass sie keine Deutschen sein müssen!" Sie wollen aber Deutsche sein. Und wenn sie sich manchmal in eine russlanddeutsches "Ghetto" zurückziehen, dann erinnert das auch an die "Heimatvertriebenen" nach 1945, die sich bei der Ablehnung durch die Einheimischen - die gab es auch damals! - in die Landsmannschaften zurückzogen! Was blieb ihnen denn auch anderes übrig?


Habt Verständnis!

Ich will die Russlanddeutschen nicht verherrlichen - es sind Menschen und das heißt, es gibt gute und weniger gute und schlechte Menschen bei ihnen - wie bei allen anderen Gruppen auch. Aber wir haben die Pflicht, diese unsere verfolgten Landsleute aufzunehmen, denn Deutschland ist das Land der Deutschen, gerade auch der Deutschen, die selbst oder deren Eltern so Schweres durchmachen mussten und die nun im russischen Volk aufgehen wollen, sondern die Deutschen bleiben (oder manchmal muss man sagen "wieder werden") wollen. Ich habe nicht nur Verbindung zu "meinen" Russlanddeutschen nach Möglichkeit gehalten, d. h. zu denen, die ich in Trakehnen kennen lernte und die nun in Deutschland sind, sondern ich kam auch in Kontakt mit der Zeitschrift "Heimat-Rodina" - einer zweisprachigen Monatszeitung vor allem der Spätaussiedler (deshalb zweisprachig). Der Kontakt war rein zufällig: ich hatte vor Abfahrt meines Zuges nach Stuttgart noch Zeit und ging in den Zeitschriftenladen und fand dort die Zeitung. Ich blätterte in ihr, etwas enttäuscht, dass viel Russisch und wenig Deutsch darin zu lesen war, aber plötzlich fand ich meinen Namen! Ein Artikel über die Deportation der Russlanddeutschen, den ich u.a. in der Zeitschrift "Soldat im Volk" (Zeitschrift des "Verbandes deutscher Soldaten") veröffentlicht hatte, war hier abgedruckt. Ich schrieb ihnen und wie so oft: sie freuten sich, dass ein "Einheimischer" sich für sie interessierte. Sie brachten verschiedene Artikel von mir und warben für meine kleine Schrift, die ich über die Geschichte der Russlanddeutschen veröffentlicht hatte ("Woher? Wohin? Die Wanderungen der Russlanddeutschen gestern und heute" Eckartschrift 170, ISBN 3-902350-07-5, Verlag "österreichische Landsmannschaft", Wien).

Eine große Ehre war für mich, dass ich am 28. August 2004, dem Gedenktag an die Deportation, von einer Gruppe von ihnen neben anderen Rednern in Berlin vor dem Reichstag sprechen durfte.

Ich möchte helfen, dass sie hier Fuß fassen können und dazu ist notwendig, dass die einheimischen Deutschen sie verstehen und annehmen. Dazu muss man etwas über die Geschichte wissen. Es ist traurig, dass es viele Gruppe und Vereine gibt, die sich um alle möglichen (und manchmal unmöglichen) Ausländergruppen bemühen, aber das Interesse dieser Leute lässt bei den Russlanddeutschen oft nach - sie zu unterstützen sei "Deutschtümelei" und es gebe ja so viele Kriminelle unter ihnen. Natürlich gibt es kriminelle Russlanddeutsche, wie es sie in jeder Gruppe gibt und wie es sie z.B. unter den Heimatvertriebenen nach Kriegsende auch gab. Menschen, die in einer fremden Umgebung leben, die selbst Probleme im Beruf haben, die keine Möglichkeit haben, sich genügend Geld auf legale Weise zu verdienen, sind natürlich gefährdet - das lässt man bei Türken oder Albanern ohne weiteres als Entschuldigung gelten. Die große Mehrheit der Russlanddeutschen ist aber nicht kriminell - aber hier darf man ohne weiteres verallgemeinern, was bei anderen Gruppen als "ausländerfeindlich" angesehen würde. Was ich gegen diese Einseitigkeit machen kann, will ich tun - es ist wenig genug! Aber es muss getan werden!

Götz Eberhard



 
Heimat-Родина, 2005-2006

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