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Sind die Aussiedler eine Belastung,
oder ein Gewinn für Deutschland?
Notizen eines Soziologen
Um diese Frage, die uns nicht selten in verschiedenen Auditorien gestellt wird, zu beantworten, versuchen wir es nur mit drei wichtigsten Faktoren zu betrachten. Und zwar:
- Die Beschäftigungssituation der Aussiedler.
- Wirkung der Aussiedler-Zuwanderung auf die finanzielle Situation der Sozialversicherungen und auf die Haushalte in der Bundesrepublik.
- Altersstruktur der Aussiedler.
Bevor wir zur ersten Frage kommen, soll kurz ein Teil der Untersuchungsmethode vorgestellt werden.
Um die unterschiedlichen Eingliederungsprobleme und Schwierigkeiten in verschiedenen sozialdemographischen Gruppen der Deutschen aus Russland, besonders der jugendlichen Spätaussiedler, die zu verschiedenen Zeiten nach Deutschland übersiedelten, möglichst differenziert untersuchen zu können, wurden die befragten Aussiedler in zwei Gruppen unterteilt:
- Gruppe: sozial aktive Aussiedler.
- Gruppe: sozial wenig aktive Aussiedler.
Darüber hinaus wurde jede Gruppe in zwei Untergruppen unterteilt:
- Untergruppe "A": Aussiedler, die die deutsche Sprache ganz normal oder gut beherrschten und sich überwiegend der deutschsprachigen Massenmedien bedienten;
- Untergruppe "B": Aussiedler, die die deutsche Sprache mangelhaft oder schlecht beherrschten und die vorwiegend die russischsprachigen Massenmedien nutzten.
Die Analyse der Ergebnisse solch einer Untersuchung zeigt bestimmte Unterschiede, die es in verschiedenen sozialdemographischen Gruppen und Schichten im Laufe der Integration gibt. Die Ergebnisse der Analyse bestätigen ganz deutlich, dass die Urteilslogik der Aussiedler in Vielem von den je nach Beherrschung der Sprache und folglich je nach genutzten Medien (überwiegend russischsprachige oder vorwiegend deutschsprachige) abhängen.
Entsprechend den Hauptzielen und Aufgaben der Forschung wurde von mir der Versuch unternommen, sowohl die allgemeine Problemlage der Deutschen aus Russland als auch deren gegenwärtigen sozial-moralischen und psychologischen Zustand, deren Integrationsbereitschaft und Eingliederungswillen in der neuen Heimat zu untersuchen und darzustellen.
1. Beschäftigungssituation
Auf der Basis der Angaben zur Arbeitslosenmeldung und Forschungsergebnissen in den Jahren von 1995 bis 2002 beträgt die durchschnittliche Arbeitslosigkeitsquote unter den Aussiedlern und Spätaussiedlern, die zum Stichtag zwei Jahre und länger in Deutschland lebten, von 0,3 bis 1,8% weniger als im Bundesdurchschnitt. Die Ursachen dafür liegen darin, dass die Aussiedler jede Arbeit, die sogar weit unter ihrer Qualifikation liegt, annehmen.
Fast alle Befragten begannen ihre Berufstätigkeit in Deutschland mit Tätigkeiten beispielsweise als Reinigungskraft und Hilfsarbeiter. Allerdings muss festgestellt werden, dass nach ca. 4-6 Jahren die meisten "Berufseinsteiger" (im Alter bis 55 Jahre) ihren richtigen Weg gefunden haben. Wie man in der Tabelle 1 sieht, gibt es immer weniger arbeitslose Spätaussiedler.
Tabelle 1
Arbeitslose Spätaussiedler
| Jahresdurchschnitt |
Insgesamt |
Männer |
Frauen |
| 1995 |
138.266 |
55.672 |
82.594 |
| 1996 |
143.823 |
62.313 |
81.510 |
| 1997 |
150.970 |
66.227 |
84.744 |
| 1998 |
126.035 |
53.811 |
72.224 |
| 1999 |
99.659 |
41.766 |
57.893 |
| 2000 |
77.377 |
32.751 |
44.625 |
| 2001 |
64.770 |
28.562 |
36.207 |
| 2002 |
59.367 |
28.244 |
31.123 |
Quelle: Bundesanstalt für Arbeit, Nürnberg, 2003
Unter den sozial aktiven Aussiedler und Spätaussiedler und Untergruppen "A" ist die Arbeitslosigkeit bis 2-3% niedriger als unter den wenig sozial aktiven und Untergruppen "B". Bei den Spätaussiedlern, die ein hohes Qualifikationsniveau und moderne Berufe aufweisen, ist die Beschäftigungsquote bedeutend höher als durchschnittlich in der jeweiligen Gruppen.
Bei den Männern ist der Arbeitslosenanteil durchschnittlich bis 3-5 % niedriger als unter den Frauen. In den alten Bundesländern sind die Arbeitslosigkeitsquoten der Aussiedlern und Spätaussiedlern geringer als im Bundesdurchschnitt. In den neuen Bundesländern liegen die Arbeitslosenquoten höher. Der Vergleich der Arbeitslosigkeitsquoten zwischen den Aussiedlern und Spätaussiedlern in den alten und den neuen Bundesländern zeigt, dass sie in der 1. Untergruppe fast zweimal niedriger ist als in der 2. Untergruppe.
Die höchste Arbeitslosigkeit unter den Aussiedlern und Spätaussiedlerin war festzustellen bei den
- 55- bis 65-jährigen Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedlern;
- weiblichen Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Die wichtigsten Ursachen dafür sind die mangelnden Sprachkenntnisse, kleine Kinder, keine oder keine abgeschlossene moderne Berufsausbildung;
- bei den Frauen
Die Tabelle 2 zeigt uns einerseits den Stand der Dinge. Andererseits erlaubt sie uns, einige Probleme und Tendenzen der Arbeitslosigkeit der Spätaussiedler besser zu verstehen.
Tabelle 2
Arbeitslosenquoten im Jahresdurchschnitt
| Jahr |
BRD |
West |
Ost |
Ausländ. |
Spät u. Aussiedler |
| 1995 |
10,4 |
9,3 |
14,9 |
16,6 |
9,5 |
| 1996 |
11,5 |
10,1 |
16,7 |
18,9 |
11,2 |
| 1997 |
12,7 |
11,0 |
19,5 |
20,4 |
10,9 |
| 1998 |
12,3 |
10,5 |
19,5 |
20,3 |
11,9 |
| 1999 |
11,7 |
9,9 |
19,0 |
19,2 |
10,2 |
| 2000 |
10,7 |
8,7 |
18,8 |
17,3 |
9,1 |
| 2001 |
10,3 |
8,3 |
18,9 |
17,4 |
9,8 |
| 2002 |
10,8 |
8,7 |
19,5 |
19,1 |
nicht ausreichend erforscht |
Quelle: Bundesanstalt für Arbeit, Nürnberg, 2003
Quelle: Forsch.- Ergebn., DaDo 1995-2002.
Das Hauptproblem aller Spätaussiedler besteht darin, so schnell wie möglich einen Arbeitsplatz zu finden und sich auf die neue Arbeitsanforderungen einzustellen. Die absolute Mehrheit der Aussiedler strebt eine Beschäftigung in ihrem alten Beruf an. Eine reale Chance dazu erhielt nur etwa jede 8. Frau und ca. 14% Männer. Die besten Chancen haben Bauarbeiter, Schlosser, Elektriker und im Gesundheitsdienst Ausgebildete. Alle anderen haben fast keine Chance auf Beschäftigung in ihrem früheren Berufsfeld.
Jeder 6. Neuangekommene steuerte die Selbständigkeit oder Freiberuflichkeit an. Jedoch nach zwei Jahren in Deutschland reduziert sich die Zahl Selbständigen oder Freiberufler auf weniger als 8 % von denen, die dazu Lust gehabt hatten. Ein paar Jahre weiter werden es noch weniger, wobei später die Zahl der Unternehmer wächst. Allerdings auf einem anderen, schon hier angepassten Niveau.
Bei allem Positiven des Ausbildungs-, Weiterbildungs- und Umschulungssystems in Deutschland fehlen Mechanismen für einen gleitenden übergang der Spätaussiedler ins Berufsleben unter der Berücksichtigung ihrer Berufserfahrung.
2. Wirkung der Aussiedler-Zuwanderung auf die finanzielle Situation der Sozialversicherungen und auf die Haushalte in Deutschlands
Um die Auswirkung der Aussiedler-Zuwanderung auf die finanzielle Situation der Sozialversicherungen und auf die Haushalte in der Bundesrepublik besser zu verstehen sehen wir uns die zwei unten angegebenen Tabellen aus einem Gutachten des "Instituts der Deutschen Wirtschaft" an.
Wie man in der Tabelle 3 sehen kann, haben die zugewanderten Aussiedler nur in den Jahren 1989-1990 die finanzielle Situation der Sozialversicherungen in der Bundesrepublik belastet: auf 4,7 Mrd. DM. Dafür haben sie in den Jahren 1991-1995 schon 8,1 und in den Jahren 1996-2000 rund 49,6 Mrd. DM in die gesetzlichen Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung mehr eingezahlt, als die Aussiedler in Anspruch nahmen. Nur in die Rentenversicherung haben die berufstätigen Aussiedler von 1989 bis 2000 etwa 37.8 Mrd. DM mehr eingezahlt, als den Rentnern ausgezahlt wurde.
Tabelle 3
Wirkung der Aussiedler - Zuwanderung auf die finanzielle Situation der Sozialversicherung in der Bundesrepublik (Angaben in Mrd. DM. Bei einer maximalen Zuwanderung von 3,5 Mio. Menschen bis zum Jahr 2000.)
| Zeitraum |
gesetzliche Rentenversich. |
gesetzliche Krankenversich. |
Arbeitslosen- Versicherung. |
Summe |
| 1989-1990 |
-0,9 |
-1,2 |
-2,8 |
-4,7 |
| 1991-1995 |
+10,6 |
+5,2 |
-7,7 |
+8,1 |
| 1996-2000 |
+28,1 |
+9,2 |
+12,3 |
+49,6 |
| 2001-2005 |
+33,1 |
+3,9 |
+7,6 |
+44,6 |
| 2006-2010 |
+28,9 |
-0,9 |
+0,5 |
+28,5 |
| 2011-2015 |
+22,4 |
- |
- |
+22,4 |
| 2016-2020 |
+12,2 |
- |
- |
+12,2 |
| Summe |
+134,4 |
+16,2 |
+10,1 |
+160,7 |
Quelle: "Instituts der Deutschen Wirtschaft", 1997 (siehe VadW, 11/97 S.16).
Die Tabelle 4 zeigt, dass auch die Haushalte von Bund, Ländern und Gemeinden nur in den Jahren 1989-1992 von der Aussiedler-Zuwanderung mit 7,0 Mrd. DM belastet worden waren. In den Jahren 1993-1996 haben die zugewanderten Aussiedler schon 37,8 Mrd. DM und 1997-2000 rund 104,3 Mrd. DM mehr eingezahlt als heraus genommen.
Tabelle 4
Finanzielle Auswirkung der Aussiedler-Zuwanderung in den Jahren 1989-2000 auf die Haushalte von Bund, Ländern und Gemeinden (Angaben in Mrd. DM).
| Jahr |
1989-92 |
1993-96 |
1997-2000 |
Summe |
| Mehreinnahme |
39,5 |
120,6 |
203,8 |
363,9 |
| Mehrausgaben |
46,5 |
82,8 |
99,5 |
228,8 |
| Finanzierungssaldo |
-7,0 |
37,8 |
104,3 |
135,1 |
Quelle: "Instituts der Deutschen Wirtschaft", 1997 (siehe VadW, 11/97 S.16).
Die statistischen Zahlen in den Tabellen 3 und 4 des "Instituts der Deutschen Wirtschaft" beweisen, dass die Aussiedler die Sozialversicherung und die deutsche Wirtschaft nicht nur belasten, sondern auch sehr viel dazu beitragen, um die angeschlagenen gesetzlichen Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherungen sowie die Haushalte von Bund, Ländern und Gemeinden zu sanieren.
3. Altersstruktur der Aussiedler
Die Tabelle 5 zeigt deutlich, dass die Aussiedler -und Spätaussiedlerfamilien aufgrund der demographischen Zusammensetzung eine große Bereicherung für die soziale Absicherung Deutschlands sind. Eine deutliche Sprache spricht die offizielle Statistik des Bundesverwaltungsamtes zur Altersstruktur der Aussiedler, die den Satz belegt: "Aussiedler sind im Schnitt doppelt so jung und halb so alt wie Einheimische"
Tabelle 5
Altersstruktur der Aussiedler (in Prozent)
| Altersgruppe |
Aussiedl. |
Gesamt Bev. |
Aussiedler |
| (in Jahren) |
1997 |
Ende 1998 |
1999 |
2001 |
| Bis unter 6 |
7,36 |
5,80 |
6,85 |
6,99 |
| 6 bis unter 18 |
24,96 |
13,41 |
23,91 |
22,11 |
| 18 bis unter 20 |
3,65 |
2,24 |
3,83 |
4,14 |
| 20 bis unter 25 |
8,64 |
5,45 |
9,53 |
10,10 |
| 25 bis unter 45 |
32,42 |
31,41 |
32,62 |
32,35 |
| 45 bis unter 60 |
2,11 |
19,32 |
12,59 |
14,03 |
| 60 bis unter 65 |
3,57 |
6,45 |
3,88 |
3,99 |
| 65 und älter |
7,28 |
15,92 |
6,78 |
6,29 |
Quelle: Bundesverwaltungsamt Köln, 2002. (siehe "Zwischen den Kulturen", 2002. S.34).
Also: die Aussiedler -und Spätaussiedler, besser gesagt die Deutschen aus Russland, sind keine Belastung für die deutsche Wirtschaft, für Deutschland, sondern langfristig gesehen ein strategisch wichtiger sozial demographischer, sozialökonomischer und sozialpolitischer Gewinn.
Natürlich gibt es auch einige Probleme mit der Aussiedler-Zuwanderung und besonders mit den Spätaussiedlern, mit den Jugendlichen. Aber wenn man die Probleme mit dem Gewinn vergleicht, dann bildet sich ein großes und nicht nur sozial-ökonomisches sondern auch ein menschlich positives Saldo. Diese Themen werden in den nächsten Beiträgen betrachtet.
Dr. habil. Daniel Dorsch, Berlin
ehrenamtlicher Soziologe und Innovationsreferent der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland. - Dr. Dorsch befasst sich mit soziologischen Wissenschaften. Er ist ordentliches Akademiemitglied der Internationalen Akademie für Information, sowie Fachmann für wissenschaftliche Prognostizierung und Steuerung sozialer Prozesse. Sein Beitrag basiert auf wissenschaftlichen Forschungen in 1995-2002.
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